12.5.2018 MegaMarsch München  
Autor: Andreas Greppmeir
 
 
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Im August letzten Jahres stolperte ich im Internet über eine Veranstaltung namens Mega-Marsch München. „Wir gehen weiter!“ – thronte groß auf der Seite des Internetauftritts. 100 Kilometer in 24 Stunden. Wow. Viel mehr Informationen gab es noch nicht, aber man konnte sich schon anmelden. 34 Euro für eine Early Bird-Ticket waren zu berappen. Ohne groß nachzudenken meldete ich mich an. Von München nach Mittenwald sollte die Reise gehen. Aber bis zum Tag X war ja noch jede Menge Zeit und so machte ich mir zunächst keine weiteren Gedanken über den Mega-Marsch.

Gut einen Monat davor wurde die facebook-Gemeine auf der offiziellen Mega-Marsch-Seite aktiv und so begann ich mich doch etwas genauer damit zu beschäftigen. Mein Plan war einen großen Teil der Strecke zu laufen und auch ein paar Kilometer davon tatsächlich zu wandern. Da die drei Verpflegungsstationen jedoch nicht permanent besetzt sind und die Veranstalter davon ausgingen, dass die schnellsten Wanderer maximal sechs Kilometer in der Stunde zurücklegen, schien es mir ein relativ entspannter Lauf zu werden, da ich die Verpflegungsstellen natürlich in Anspruch nehmen wollte. Auch über die Streckenmarkierung gab es heiße Diskussionen. Bei der Erstaustragung im letzten Jahr schienen sich etliche Teilnehmer verlaufen zu haben und ich bekam den Rat, es keines Falls ohne GPS oder einer bereitgestellten Handy-App versuchen zu wollen, da die Wahrscheinlichkeit irgendwann vom Kurs abzukommen sehr groß sei. Das kam für mich jedoch nicht in Frage, ich wollte es so versuchen.

Da die An- und Abreise selbst organisiert werden muss, nahm ich gerne Silkes Fahrdienste in Anspruch und so fuhr sie mich am frühen Samstagnachmittag nach München. Start des Mega-Marschs war der Gutshof Menterschwaige in Grünwald. Der wunderschöne Biergarten am Hochufer der Isar bietet rund 2.500 Gästen Platz und war bei unserem Eintreffen schon gut frequentiert. Da ich ja nur das einfachste Paket gebucht hatte, war die Abholung für mich schnell erledigt. Es gab ein Armband mit Mega-Marsch-Aufdruck, die quasi als Startnummer fungierte, sowie einen Wanderpass, in dem auch weitere Teilnahmen an anderen Mega-Marsch-Veranstaltungen, die deutschlandweit stattfinden, eingetragen werden können. Danach blieb uns noch etwas Zeit uns im Biergarten zu stärken. Ich kam schon nun mit anderen Teilnehmern ins Gespräch, es sollten übrigens über 2000 sein, und stellte schnell fest, dass die meisten von ihnen positiv-verrückt waren und so kam schnell gute Laune auf.

Ettape 1: Von München nach Puppling (km 0 bis 23,5)

Um 16:00 Uhr war es dann endlich so weit. Die Meute scharte schon vor dem Startbogen und wartete auf das Startsignal. Um die Strecke nicht von Beginn an zu überlasten, wurde ein Bereich vor dem Startbogen abgesteckt, der rund 200 Wanderer aufnehmen konnte. Diese Gruppen von etwa 200 Leuten, wurden dann im 10-Minuten-Takt auf die Reise geschickt. Da es keine Zeitmessung gibt, hatte man in der ersten Gruppe somit sogar 25 Stunden Zeit um das Ziel in Mittenwald zu erreichen. Ich ging mit der zweiten Gruppe auf die Reise und hatte somit 24 Stunden und 50 Minuten Zeit.

Darüber machte ich mir momentan aber keine Gedanken. Erst mal schauen was da auf mich zukommen wird. Etwas seltsam war der Start für mich dann schon, denn eigentlich bin ich es ja gewohnt zu laufen, hier ging man aber ganz entspannt los und trotzdem feuerten uns die zahlreichen Zuschauer lautstark an. Auch eine riesige Samba-Truppe stimmte uns auf den Mega-Marsch ein, wobei ihr Takt natürlich nichts mit unserem Tempo zu tun hatte. So ging es also erst mal los. Die Menge an Teilnehmern ließ ein Laufen zunächst noch nicht zu, aber ich musste ja nichts überstürzen. Der Weg, der vor mir lag, war weit. Nach gut 900 Metern erreichte ich die Großhesseloher Brücke und durfte die Isar überqueren. Von der Brücke aus konnte ich schon mal einen wunderbaren Blick über die Isar genießen. Das Wetter war eh herrlich und ich genoss die Stimmung unter den Wanderern. Anders als bei Laufveranstaltungen sind hier zahlreiche Gruppen gemeinsam unterwegs. Erstaunlicherweise ist die Anzahl von jungen Teilnehmern enorm hoch, so dass ich schon fast zum älteren Semester zählte.

Nach dem Überqueren der Großhesseloher Brücke geht es über eine kleine Schleife wieder unter diese hindurch und der Weg führt nun für lange Zeit am rechten Isarufer entlang in Richtung Süden. Schon nach zwei zurückgelegten Kilometern komme ich mit Frank ins Gespräch. Er ist ebenfalls alleine unterwegs und besitzt kein Handy oder GPS-Gerät, wir scheinen also auf einer Wellenlänge zu sein. Da Frank aus Heilbronn stammt, muss ich ihm natürlich auch meine Erlebnisse von letzter Woche erzählen. Als wir beide so nebeneinander hermarschieren, verabschiede ich mich, ohne groß darüber nachzudenken von der Idee zu laufen. Ich will nun ebenfalls marschieren. Die Stimmung ist so großartig und als Läufer wäre ich mir irgendwie fehl am Platz vorgekommen. Zudem marschieren wir einen Schnitt von knapp unter 12 Minuten auf den Kilometer, das würde sich also perfekt aufgehen. Die Verpflegungsstellen waren in diesem Tempo gut zu erreichen. Es waren auch Pausen möglich und mit der Zielzeit gäbe es ebenfalls keine Probleme.

Nach rund acht Kilometern erreichen wir das Isarwehr in Baierbrunn. Das Öko-Wasserkraftwerk ist besonders umweltfreundlich für Fische. Nach dem Einbau einer Spezialturbine, die in Deutschland erst die zweite ihrer Art ist, wird hier Strom für gut 700 Haushalte erzeugt. Eine Rampe neben der Turbine ermöglich den Fischen ein problemloses Schwimmen gegen die Fließrichtung der Isar.

Von Baierbrunn aus geht es nun weiter auf dem Jakobsweg immer an der Isar entlang. Die Landschaft ist herrlich und ich komme gemeinsam mit Frank gut voran. Die Zeit und die Kilometer verfliegen, obwohl ich ja eigentlich nur wandere. Es fühlt sich einfach gut an. Übrigens sind auch die Markierungen auf der Strecke gut zu erkennen und bei mir verfliegen auch die letzten Zweifel, mich zu verlaufen. Zudem bin ich immer von größeren Gruppen umgeben, so dass ich diesen eigentlich nur folgen muss. Bei Kilometer 18 überquere ich eine Holzbrücke und befinde mich nun zwischen Isar und Isarkanal wieder. Die Schar teilt sich nun. Die einen gehen unten an der Isar entlang, ich entscheide mich mit vielen anderen für den Weg oben am Isarkanal. Man hat so einen großartigen Blick auf die Isarauen. Im langsam fließenden Kanal kann ich nun ein paar Regentropfen erkennen. Aber es ist angenehm warm und die Regenjacke kann im Rucksack bleiben.

Weiter geht es nun auf einer Straße durch ein größeres Waldgebiet in Richtung Puppling. Es beginnt bereits zu dämmern und ich schaue auf die Uhr. Ich bin bereits gut vier Stunden unterwegs und gerade mal bei Kilometer 20 angekommen. Doch hochgerechnet auf die 100 Kilometer würde das immer noch eine reine Laufzeit von 20 Stunden ergeben. Also kein Grund zur Sorge. So kam ich auch ziemlich entspannt in Puppling an. Schon von Weitem war das rege Treiben im Biergarten des Gasthauses Aujäger zu erkennen. Dort wartete die erste Verpflegungsstation auf mich. Frank verabschiedete sich kurz auf`s Häusl und ich unterhielt mich derweil mit Margot, einer guten alten Bekannten, die am Streckenrand auf ihren Freund wartete. Danach begab ich mich zur Verpflegungsstation und deckte mich ordentlich für die weitere Reise ein. In dem Getümmel kam mir nun leider Frank abhanden. Ich konnte ihn nicht mehr entdecken und so machte ich mich nach einer gut 15-minütigen Pause alleine auf den Weg.

 
 
 

Ettape 2: Von Puppling nach Beuerberg (km 23,5 bis 37,2)
Vom Gasthaus Aujäger gehe ich nun weiter in südwestlicher Richtung. Immer noch halte ich Ausschau nach Frank, vielleicht kann ich ihn ja auf der Strecke entdecken. Doch vergebens. Es tut mir wirklich leid, da wir uns sehr gut verstanden hatten und gerade in der bevorstehen Nacht ein gelegentlicher Gesprächspartner sicherlich hilfreich für beide gewesen wäre.

Schon bald erreiche ich Wolfratshausen. Der Weg führt immer weiter auf Wanderwegen in unmittelbarer Nähe der Isar, bis ich auf den Isar-Loisach-Kanal treffe. Bei Kilometer 28 überquere ich den Kanal über eine Fußgängerbrücke und befinde mich nun wieder auf dem Jakobsweg. Die Schilder des Jakobswegs dienen übrigens auch immer wieder gut der Orientierung. Sollte man wirklich einmal von der Wanderroute abkommen, würde einem der Jakobsweg, wenn auch mit einem Umweg, wieder auf die Mega-Marsch-Route zurückbringen.

Es ist inzwischen dunkel geworden und auch merklich kühler. Ich hole eine dünne Jacke und die Stirnlampe aus dem Rucksack, um mich für die weiteren Kilometer zu rüsten. Die Stirnlampe dimme ich so weit wie möglich herunter, um den Akku zu schonen. Ich rechnete mit dem Sonnenaufgang um kurz nach fünf Uhr, somit musste meine Stirnlampe gut sieben Stunden herhalten. Es war jetzt kurz vor 10 Uhr. Ich war beinahe sechs Stunden unterwegs.

Schon im Vorfeld hatte ich meinen Respekt vor der Nacht kundgetan. Keine optische Ablenkung mehr. Die mit Sicherheit eintretende Müdigkeit nach Mitternacht. Und die immer noch vorhandene Möglichkeit im Dunklen einen Wegweiser zu übersehen. Trotz all dieser Unsicherheiten war ich immer noch optimistisch. Daran konnte auch die kleine Blase nichts ändern, die sich an meinem rechten Fußballen bildete.

Ich kam schließlich in Beuerberg an und erreichte somit die zweite Verpflegungsstation. Das Restaurant „Bella Vista“ bot für die Wanderer gegen einen Obolus frische Pizza-Ecken an. Dennoch hielt ich mich an das Angebot der eigentlichen Verpflegungsstation. Eine große Auswahl an Müsliriegeln, Bananen, Keksen und kleinen Salami-Snacks. Ich griff zu ein paar Müsliriegeln, füllte meine Wasserflaschen auf und deckte mich auch für unterwegs noch ein. Auf den nächsten 30 Kilometern würde keine Verpflegungsstation mehr kommen. Da hieß es vorzusorgen. Kurz mühte ich mich noch mit dem guten alten Nokia ab, das ich mitgenommen hatte und gab Silke einen Zwischenbericht. Danach legte ich mich noch ein paar Minuten im Gras ab, um mich etwas zu entspannen. Bevor es weiterging, zog ich mir noch meine Regenjacke über, da es nun spürbar kühler geworden war.

Ettape 3: Von Beuerberg nach Kochel am See (km 37,2 bis 67,0)
Durch Beuerberg hindurch erreiche ich nach 500 Metern erneut den Jakobsweg und folge diesem nun weiter. Ich merke, dass die Strecke nun deutlich hügliger wird. In den Isarauen ging es anfangs ja nur eben dahin, nun gibt es aber immer wieder ein paar sanfte Anstiege. Etwa bei Kilometer 40 und schon gut neun Stunden auf der Uhr komme ich an einem kleinen Weiler an und hab vor allem am rechten Fuß ein recht unangenehmes Gefühl. Ich nehme mir daher ein paar Minuten, um meine Laufsocken zu wechseln. Etwas erschrocken muss ich feststellen, dass das Gefühl nicht von der Socke selbst herrührt, sondern von einer Blase, die sich schon über den gesamten Fußballen zog. Auch am linken Fuß war eine Blase erkennbar. Ich hoffte auf eine Besserung dank der neuen Socken. Zudem holte ich meinen iPod hervor und ließ mich von der Musik ablenken, da sich offensichtlich in der Dunkelheit kein neuer Partner finden ließ.

Bis Kilometer 46,5 war mein Partner nun die Loisach, die immer links von mir verlief. Von nun an konnte ich aber auch den ganz besonderen Flair des Mega-Marsches genießen. Egal durch welche Ortschaft ich kam, egal welche Bank irgendwo stand, überall saßen oder lagen die Teilnehmer des Mega-Marsches. Einer hatte sich sogar im Straßengraben abgelegt, nutzte seinen Rucksack als Kopfkissen und die Wärmedecke. So nahm er sich eine kurze Auszeit. Meine Blasen bilden sich immer weiter aus und ich marschiere nun deutlich unrund. Mein Tempo ging dadurch auch deutlich in den Keller und erstmals hatte ich überhaupt das Gefühl nicht in Mittenwald ankommen zu können. Doch noch wollte ich an das Aufgeben gar nicht denken.

Schließlich kam dann auch die Müdigkeit hinzu. Ich nahm sie zwar nicht wirklich bewusst war, merkte aber, dass es mich fröstelte und zudem verschwamm mir des Öfteren der runde Lichtkegel meiner Stirnlampe vor den Füßen. Immer wieder überkam mich nun der Gedanke an einen möglichen Ausstieg. Doch ich dachte an Silke, die zu Hause im Bett liegt und wollte sie zu nachtschlafender Zeit keinesfalls wecken. Noch nicht. Etwa bei Kilometer 50 erreichte ich das Wasserkraftwerk Schönmühl. Im Einfahrtsbereich lagen etliche Teilnehmer im Gras und versorgten ihre Wunden. Ich gesellte mich zu ihnen und wollte mir einfach ein paar Minuten Ruhe gönnen. Ich war wohl nicht der einzige, der mit Blasen zu kämpfen hatte. Wo ich auch hinsah, wurden Socken gewechselt, Pflaster auf die Füße geklebt und ordentlich gelitten.

Ab diesem Zeitpunkt ging`s für mich mehr schlecht als recht voran. Kein Schritt ohne Schmerzen. Auf Teerstraßen ging es noch halbwegs vernünftig, aber auf Feldwegen ließ mich so mancher übersehene Stein aufstöhnen. Gelegentlich musste ich dennoch schmunzeln, egal welche Sitzmöglichkeit sich den Teilnehmern nun bot, sie wurde wahrgenommen. So wäre vielleicht mancher Anwohner arg verwundert gewesen, hätte er bemerkt, wer da nachts so alles auf seiner Terrasse liegt.

Gegen drei Uhr nachts komme ich in Bichl an. Meine Füße sind geschwollen und wie hat es der Lautner Toni später kommentiert? Es läuft sich schlecht mit einer Wasser-und Luftbereifung. Genau so ist es. Da ich mein Gewicht nun mehr auf die Fersen verlagere und teilweise auch die Zehen krümme, um die Ballen zu entlasten, wird eigentlich alles nur noch schlimmer. Es vergeht fast kein Kilometer mehr ohne Pause und ich lande irgendwann am Ende von Bichl auf der Terrasse einer Gaststätte, die gut gefüllt ist. Eine junge Truppe, tauscht sich ebenfalls über ihre Schmerzen aus. Einer der besonders mitgenommen aussieht, begutachtet seine geschundenen Füße und muss feststellen, dass er nicht mehr in seine Schuhe kommt. Aus einem privaten „Versorgungsfahrzeug“ lässt er sich Pantoffel geben, um es so zu versuchen. Ein anderer gibt seine lange Hose an einen Freund weiter, da es diesen friert. Als ich so mit den Füßen auf dem Tisch dasitze und die Szene beobachte, wird mir klar, dass das heute ein ganz besonderes Erlebnis ist und dass ich es in Kochel am See zu Ende bringen werde. Doch ein paar Kilometer will ich noch hinter mich bringen, bevor ich Silke anrufe. Den Sonnenaufgang will ich auf jeden Fall noch mitnehmen.

Ich humple weiter durch die Nacht und lenke mich weiterhin mit Musik ab. Auch wenn ich nicht wirklich vorwärtskomme, so freue ich mich auf den Sonnenaufgang, der ja bald anstehen würde. Ich bin jetzt über sechs Stunden in der Dunkelheit unterwegs und frage mich, wie inzwischen wohl die Landschaft um mich herum aussieht. Zwölf Stunden sind es insgesamt. Ich erkenne einen Wegweiser nach Benediktbeuren. Es sind noch ein paar Kilometer, aber bis zum Sonnenaufgang will ich da sein und dann das erlösende Telefonat mit Silke führen. Ich freu mich nun wirklich auf beides, die Sonne und die Aussicht, meinen Ausstieg zu besiegeln. Ich lege mich noch kurz für fünf Minuten auf der Terrasse eines Wohnhauses ab, schließlich brennt dort noch kein Licht und dann nehme ich Benediktbeuren in Angriff. Ich habe gut 58 Kilometer auf der Uhr als ich die Umrisse der Alpen vor mir erstmals wahrnehmen kann. Es beginnt zu dämmern.

Kurz spiele ich mit dem Gedanken, die Sache schon in Benediktbeuren gut sein zu lassen. Ich könnte mich auf eine Bank legen und schlafen bis Silke kommt. Doch als die Sonne tatsächlich aufgeht und ich die beiden Türme des Klosters vor mir habe, ist dieser Gedanke auch schon wieder verschwunden. Nur noch 7 Kilometer bis Kochel am See und ich hätte das offizielle Finish über 67 Kilometer erreicht. Das müsste doch noch irgendwie zu packen sein. Als ich nun auch wieder die anderen Teilnehmer um mich herum bewusst wahrnehmen kann, komme ich mir vor wie in einem schlechten Zombie-Film. Man merkt, dass ihnen jeder Schritt verdammt weh tut und dass das Ganze mit gehen geschweigendem mit marschieren gar nichts mehr zu tun hat. Immer öfters sehe ich Teilnehmer, die bereits am Straßenrad auf ihr persönliches Taxi warten und den Mega-Marsch abgebrochen haben. Mir ist bewusst, dass ich nicht viel besser aussehe, erreiche aber dennoch Benediktbeuren.

Nun lasse ich wirklich keine Bank mehr aus und sitze schließlich etwas abseits von der Strecke am Mühlgraben. Ich zücke das Handy und wähle die erlösende Nummer. In dem Moment als Silke sich meldet, setzt sich ein Mann mit seiner alten Hundedame auf die Nachbarbank, um seiner Hündin eine kleine Pause zu gönnen. Er verfolgt wohl mein Gespräch, in dem ich kurz und knapp mitteile, dass ich völlig am Ende sei, aber noch versuchen würde bis Kochel am See zu kommen. Nur noch läppische sieben Kilometer, die sich dann noch als acht herausstellen sollten, das würde ich schaffen und dann sei Schluss. Als mich der Hundehalter schließlich fragte, wo ich denn zu dieser frühen Morgenstunde herkäme, war er über die Antwort sichtlich erstaunt. „Von München!“ Damit hätte er wohl nicht gerechnet.

Weiter ging`s nun über Pfingstenberg nach Kochel am See. Es lagen nun noch ein paar saftige Anstiege vor mir und Trailpfade, da hätte selbst Bernie seine wahre Freude daran gehabt. Unter normalen Umständen hätte mir das auch Spaß bereitet, doch heute waren es einfach nur noch ein paar zusätzliche Nadelstiche mehr. Die zahlreichen Wurzeln walkten meine Blasen ordentlich durch, so dass ich ab und an tief Luft holen musste, um nicht laut aufzustöhnen. Vor allem die Bergab-Passagen waren die Hölle. Musste ich doch ab und zu auch mal kurz einen Absatz hinabspringen und wusste genau, worauf ich landen würde. So zog sich das Ganze noch weiter in die Länge. Doch irgendwann hatte ich den Trail-Abschnitt auch hinter mich gebracht und ich fand mich auf einer Anhöhe wieder. Ich hatte einen wunderschönen Blick auf Kochel am See und die Alpen. Welch ein Panorama! Dazu wärmte nun auch die Sonne, so dass ich wieder ein paar kleine Lebensgeister in mir entdecken konnte.

Noch drei Kilometer waren es nun entlang einer Staatsstraße immer leicht bergab in Richtung Kochel. Am Straßenrand hielten immer wieder Fahrzeuge an und sammelten die erschöpften Teilnehmer ein, die ebenfalls aufgegeben hatten. Nur drei Kilometer vom „kleinen Ziel“ in Kochel entfernt. Da musste es einigen wohl noch übler gehen als mir. O.k., drei Kilometer hört sich jetzt auch nicht wirklich weit an, aber unter den gegebenen Umständen muss man dafür noch weit über eine halbe Stunde einplanen. Ich war kurz vor Kochel als mein Handy klingelte. Es war Silke. Sie wartete im Ziel schon auf mich. Ich war überrascht. Während ich sieben Kilometer zurücklegte, war sie mal eben von zu Hause nach Kochel am See gefahren. Wie lange habe ich denn gebraucht? Als ich in Kochel ankam, war es noch rund ein Kilometer durch den Ort und noch bevor ich das Ziel erkennen konnte, sah ich Silke am Straßenrand stehen und war überglücklich. Es war geschafft!

Ich legte mich noch kurz in der Einfahrt des Hotelrestaurants ab, um etwas zu entspannen und entledigte mich als erstes meiner Schuhe. Der Anblick war nicht gerade berauschend. Silke wollte mich zu den Sanitätern schicken, die reichlich damit beschäftigt waren Blasen zu versorgen und Füße zu verbinden. Viele hatten in Kochel am See ihr persönliches Ziel erreicht und man merkte auch gleich die Erleichterung unter den gestrandeten Teilnehmern. Es wurde kräftig gescherzt, da kaum noch einer normal gehen konnte und die Schmerzen schienen nun wahrlich eine Belohnung zu sein, auf die jeder stolz war. Im Hotel konnte ich mir noch eine Urkunde mit den zurückgelegten Kilometern abholen und mich somit über mein Finish in Kochel am See freuen.

Fazit:
Ich habe im Nachhinein von mehreren Läufern erfahren, dass sie die selben Probleme hatten wie ich. Susanne zum Beispiel. Sie ist eine erfahrene Triathletin, die regelmäßig Marathons unter vier Stunden läuft und auch über ausreichend Ultraerfahrung verfügt. Sie musste bei Kilometer 55 raus, da sie nicht mehr gehen konnte. So erging es noch einigen anderen mehr. Marschieren und Laufen, das sind wohl doch zwei paar Stiefel und die Belastung eine ganz andere. Ich war jedenfalls über 16 Stunden für meine 67 Kilometer unterwegs und bin stolz auf meine Leistung. Begeistert hat mich neben der großartigen Landschaft vor allem die Stimmung und der Zusammenhalt unter den Teilnehmern. Mein Wanderpass, in dem sich nun ein Stempel für meine Teilnahme am Mega-Marsch befindet, landet jedenfalls nicht im Altpapier. Wenn vielleicht auch kein weiterer Stempel hinzukommen wird, so bleibt er mir immerhin ein tolles Andenken.

Mit einem Abstand von zwei Tagen zum Mega-Marsch München habe ich meinen Bericht nochmals Probe gelesen und einige Tippfehler ausgebessert. Das gibt mir somit auch die Möglichkeit noch anzumerken, dass ich mich für den Mega-Marsch in Stuttgart in November dieses Jahres angemeldet habe. 50 km in 12 Stunden fangen wir doch einfach nochmal klein an...

 
 
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