9.10.2022 München Marathon
Autor: Andreas Greppmeir
 
 
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Wie doch die Zeit vergeht. Fünfzehn Jahre sind seit meiner Marathon-Premiere vergangen. Fünfzehn Jahre, in denen viel passiert ist und in denen ich so manchen Marathon gelaufen bin. Mein erstes Mal war in München und sein erstes Mal vergisst man nie - sagt man jedenfalls. Wenn ich an den München Marathon denke, verschwimmen die Erinnerungen etwas, was möglicherweise auch daran liegt, dass ich in diesem Jahr bereits zum siebten Mal in München an den Start gehen werde. Damit komme ich in München mit meinem virtuellen Lauf auf acht Teilnahmen und das nicht nur, weil er quasi vor der Haustüre liegt. Nein, mir gefällt der Marathon in unserer Landeshauptstadt. Die Mischung aus Natur im Englischen Garten und Sightseeing in der Innenstadt finde ich genial, zudem ist das Münchner Publikum immer mit viel Herz und guter Stimmung dabei.

Fast wäre mir der München Marathon in diesem Jahr durch die Lappen gegangen. Noch nicht ganz in Marathonform, entschied ich mich zunächst gegen eine Teilnahme. Bei einem Stadtmarathon sollte zumindest eine Laufzeit von unter fünf Stunden drin sein und das ist es aktuell noch nicht. Es fehlen mir die langen Läufe und vor allem das Vertrauen in meine Wirbelsäule. Das alles braucht noch etwas Zeit und die will und muss ich mir auch nehmen. Ganz so viel Zeit hat mein Laufbruder Jürgen Englerth nicht. Er muss in vier Wochen beim New York Marathon die 5:30 Stunden pacen und hängt auch noch etwas hinten nach. Daher kam ihm die Idee mal bei mir nachzufragen. Gemeinsam, ganz langsam und gemütlich und das Ganze innerhalb des Zeitlimits von sechs Stunden. So wird auch für mich ein Schuh draus und wir nutzen am Samstag vor dem Marathonwochenende die Nachmeldefunktion auf der Homepage des München Marathons.

Damit wird es am Sonntag halt mal wieder nichts mit ausschlafen und ich parke pünktlich um halb acht auf der Parkharfe des Olympiageländes ein. Jürgen überreicht mir meine Startnummer, die er dankenswerterweise am Samstag für mich abgeholt hat. Es ist mit sechs Grad noch nicht wirklich warm und wir verkriechen uns nochmal ins Auto, um uns fertig zu machen. Der Weg führt uns schließlich direkt ins Olympiastadion, denn es gibt eine Neuerung. Nicht nur das Ziel, sondern auch den Start findet man seit dem vergangenen Jahr im Stadionrund. Während der Start langsam näher rückt, kann ich my4-Kollege Toni Lautner begrüßen. Erstaunlicherweise treffe ich in München immer nur wenig bekannte Gesichter. Heute sind nur noch Judith und Andreas, sowie Armin und zwei oder drei namentlich nicht bekannte Mitläufer am Start, die ich kenne. Alexandra aus Wexford in Irland ist auch da, das erfahre ich leider erst im Nachhinein, so dass wir leider nichts ausmachen konnten. Zuletzt hatten wir uns an gleicher Stelle bei einem Metallica-Konzert getroffen.

Es sind noch zehn Minuten bis zum Start. Jürgen und ich machen uns in Richtung Südtribüne auf, von wo aus wir Zugang zum Startbereich haben. Die unterschiedlichen Startblöcke werden in markierten Kanälen die Treppe hinabgeschickt, was durch Ordner kontrolliert wird. Jürgen und ich erkennen eine Chance, ein paar Extraminuten für uns herauszuholen. Bei der Nachmeldung mussten wir keine Finisherzeit angeben, so dass auch unsere Startnummer mit keinem Block markiert ist. Wir nehmen den Abgang für den Block B, der avisierten Laufzeiten von unter vier Stunden vorbehalten ist. Auf Nachfrage erklären wir dem Ordner, dass sich eine Zeit von unter vier Stunden für uns locker ausgehen sollte, was dieser, ohne Zweifel erkennen zu lassen, akzeptierte.

Wir haben damit eine viertel Stunde gegenüber Block D gut gemacht, ohne auch nur einen Meter gelaufen zu sein und die Gewissheit, dass man uns zumindest optisch noch gute Zeiten zutraut. Die Lauftaktik von Jürgen ist damit auch klar. Aus dem Stadion und bis zum Ende des Olympiaparks legen wir eine kleine Tempoeinheit ein, um nicht allzu sehr im Weg zu sein, denn einen u6-Schnitt können wir sicher nicht laufen. Danach laufen wir einfach im Wohlfühltempo weiter und das nach Möglichkeit, bis km 30 ohne Gehpausen einlegen zu müssen. Damit wäre mein Tagesziel auch schon erledigt. Die verbleibenden 12 Kilometer bekommen wir dann auch noch irgendwie hin. Über das Wie wollen wir entscheiden, wenn es so weit ist.

Die Elite wird schon mal auf die Reise geschickt. Unter ihnen sind Läufer und Läuferinnen aus Äthiopien, Eritrea und Kenia. Sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen sind heute jeweils die ersten Drei schneller als der bestehende Streckenrekord. Da hat der Veranstalter scheinbar beim Antrittsgeld bzw. bei den Siegprämien etwas Geld in die Hand genommen, um den eigenen Marktwert zu steigern. Ich stelle mich nun etwas auf die Zehenspitzen, nicht etwa, um den Eliteläufern nachzuschauen. Mein Interesse gilt dem Starter, der mit seiner Pistole in unmittelbarer Nähe von mir stehen müsste. Frank Shorter, Marathon-Olympiasieger von 1972 kehrt nach fünfzig Jahren an den Ort seines größten Triumphs zurück. Er wird den Startschuss für den München Marathon geben und später selbst beim 10-km-Lauf an den Start gehen. Diesen wird der inzwischen 75-Jährige übrigens in 1:33:00 Stunden finishen und braucht damit dreimal so lange wie der Sieger. Willkommen im Club Frank Shorter! Schließlich konnte ich auch einen Blick auf Frank erhaschen, was mir aber erst zu Hause klar wurde. Ich hätte vielleicht mal die Bildersuche vorab bemühen sollen. 50 Jahre verändern einen Menschen, wer hätte das gedacht.

Nur fünf Minuten nach der Elite sind wir dran. Nach einem gefühlten Sprint über 150 Meter verlassen wir das Stadion durch das Marathontor und können leicht herausnehmen. Etwas über einen Kilometer laufen wir auf dem Spiridon-Louis-Ring durch den Olympiapark bis zur Ackermannstraße. Wir ziehen bis dahin noch so gut wie möglich mit und werden nach und nach ans Ende des Feldes der sub4-Läufer durchgereicht. Auf der Ackermannstraße sind wir dann schon fast alleine und warten bis uns das sub4:30-er Feld einholt. Schnell haben Jürgen und ich unser Wohlfühltempo erreicht, was zu Jürgens Überraschung deutlich schneller ist als sein momentanes Trainingstempo. Wir machen uns darüber keinen Kopf und traben nebeneinanderher.

Apropos nebeneinander traben. Jürgen und ich sind uns zu dieser Zeit noch gar nicht bewusst, dass wir heute zwei absolute Hingucker werden und das nicht nur bei den Zuschauern, sondern auch bei den Mitläufern. Die Anzugsordnung für uns war natürlich die obligatorische Lederhose, sowie Bernies geniales Jubiläumsshirt. Irgendwann später werde ich zu Jürgen sagen, dass wir eine Strichliste für das Wort „Lederhose“ hätten machen sollen. Ein DIN A4-Blatt hätte vermutlich nicht ausgereicht. Aber auch das Shirt kam gut an. Wir wurden von einem Zuschauer darüber informiert, dass den Olympischen Marathon damals ein gewisser Frank Shorter gewonnen hat. Danke schön für diese Info. Der 5h-Pacer, ließ seine Begleiter kurz ziehen, um alle Infos über diesen Lauf zu erhalten. Zwei ältere Damen, die wir mehrfach an der Strecke sahen, konnten wir schon immer von weitem hören: „Da sind sie ja wieder! Unsere Lederhosen-Buam!“. Einmal mussten wir dann auch für ein Foto stoppen. Das wollten sie sich unbedingt als Andenken behalten.

Wir laufen also durch Schwabing in Richtung Leopoldstraße, die für mich immer das erste Highlight des München Marathons ist. Historische Gebäude und Kirchen säumen die breite Straße, vor uns erhebt sich das Siegestor und die schnelleren Läufer, wie auch die führenden Damen kommen uns entgegen. Zahlreiche Zuschauer sind auch schon an der Strecke und machen ordentlich Stimmung. Dafür liebe ich diese Stadt und diesen Marathon. Jürgen und ich laufen winkend auf den Triumphbogen aus dem 18. Jahrhundert zu, denn für jedes „Lederhose“ wird natürlich auch brav gegrüßt. Kurz vor dem Odeonsplatz werden wir nach rechts weggeschickt.

Die Schleife durch die Maxvorstadt, die unter anderem am Obelisken am Karolinenplatz vorbeiführt, wurde nun an den Anfang des Marathons gelegt. Jürgen und ich sind uns einig. Diese Änderung nehmen wir gerne an, da die Schleife am Ende doch meistens äußerst zäh war. So sind wir noch frisch und freuen uns trotzdem als wir zurück auf der Leopoldstraße sind. Nun geht es noch kurz runter zum Odeonsplatz, der mich immer wieder aufs Neue begeistert. Die Feldherrenhalle mit der Residenz, die Theatinerkirche, sowie das Bazargebäude bilden einfach ein super Ensemble. Wir wenden und dürfen dieses schöne Stück München somit sogar zweimal genießen. Es geht wieder die Leopoldstraße rauf, vorbei am Siegestor und uns kommen nun die Läufer entgegen, die noch hinter uns liegen.

 
   
 

Etwas weniger spektakulär geht es nun am Ende der Leopoldstraße weiter. Macht aber nichts. So können sich die Sinne etwas erholen. Gut vier Kilometer wird es dauern bis wir den Englischen Garten erreichen. Wenn Jürgen vom Englischen Garten spricht, ist es für ihn die „Grüne Hölle“, da es sich dort beim Marathon dank fehlender Zuschauer oft schon etwas gezogen hat. Ich genieße die grüne Lunge Münchens jedes Mal wieder aufs Neue. Ich mag die Ruhe und vor allem die Möglichkeit einfach mal schnell hinter einem Baum verschwinden zu können, was nun auch dringend notwendig wird. In der Mandlstraße am Rande des Englischen Gartens macht mich Jürgen auf eine neuklassizistische Villa aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts aufmerksam. Es ist eines der Münchner Standesämter und Jürgen hätte dort auch fast geheiratet.

Im Englischen Garten angekommen freuen wir uns auf eine teilweise neue Streckenführung, die uns bei Kilometer 21 auch am Chinesischen Turm vorbeiführen soll. Eine Verbesserung, die ich schon vor Jahren forderte. Schade ist nur, dass ich ihn auch in diesem Jahr nicht zu Gesicht bekomme, denn dort wird der Start des Halbmarathons erfolgen, und unsere Strecke führt uns nicht direkt daran vorbei. Jürgen und ich sinnieren derweil noch über den gemeinsamen Biergartenbesuch, sowie den anschließenden Junggesellenabschied während des Jubiläumsmarathons vor vier Wochen. Eine leichte Unterhopfung ist zwar in diesem Moment spürbar, aber wir müssen stark bleiben. Ein Biergartenbesuch ist bei diesem Zeitlimit einfach nicht drin.

Die nächsten Kilometer durch Bogenhausen bringen jetzt auch nicht wirklich optische Highlights, aber die Zuschauer werden hier wieder etwas mehr und es herrscht ganz gute Stimmung an der Strecke. Jürgen und ich müssen wieder öfters winken. Eine junge chinesische Mitläuferin, die offenbar schon etwas länger Probleme mit Krämpfen hatte, ging in die Knie und kostete uns ein paar Minuten. Hätte ich sie nicht mit ein paar Salztabletten versorgt, das mindeste was ich tun konnte, hätte ich nicht ruhig weiterlaufen können. Ich hoffe sie hat das Ziel erreichen können. Eine ebenfalls asiatische Zuschauerin bremste uns auch noch kurz ein. Sie wollte unbedingt ein Foto von uns. Gerne doch. Tja, und so wird aus der eigentlich unspektakulären Strecke durch Bogenhausen auch ein kleines Highlight.

Die Kilometer verfliegen förmlich und wir nähern uns tatsächlich langsam, aber sicher der 30-Kilometermarke und das immer noch laufender Weise. Wir sind mit uns zufrieden. Ganz kann ich das gesetzte Ziel dann doch nicht erreichen. Nach einer Verpflegungsstation an der Truderinger Straße fällt mir das Anlaufen ziemlich schwer und die erste Gehpause legt einen kleinen Frühstart hin. Ein Blick auf die Uhr verrät uns, dass wir noch mehr als genug Zeit haben. Auch ist die Zeit gekommen, uns von den Halbmarathonis überholen zu lassen. Die haben ja noch nicht mal die Hälfte ihrer Strecke hinter sich und sind noch frisch. Jürgen und ich bewundern immer wieder die Laufstile der schnellen Halbmarathonis. Wir konzentrieren uns dabei ausnahmslos auf die weiblichen Teilnehmer, natürlich nur weil uns die männlichen aufgrund ihres Tempos und Dichte überfordert hätten. Nachdem wir zehnmal die Note „Sehr gut“ vergeben haben, ist auch die Münchner Altstadt und somit das absolute Highlight nicht mehr weit.

Neu ist für mich das Durchlaufen des Viktualienmarkts. Jürgen macht mich dabei auf den Karl-Valentin-Brunnen aufmerksam, den ich tatsächlich bisher nicht kannte. Dass er schon im Oktober 1953 aufgestellt wurde, überrascht mich wirklich. Für mich heißt es in der Münchner Altstadt einfach nur laufen und genießen. Die Zuschauerdichte ist hier natürlich besonders groß, so dass Jürgen und ich wieder wie selbstverständlich winken. Neues Rathaus, altes Rathaus, Mariensäule. Für mich ist der Münchner Marienplatz einer der schönsten Plätze Bayerns und unser Schritt wird dadurch automatisch wieder etwas schneller. Gleich nach dem Neuen Rathaus biegen wir in die Residenzstraße ein und sind schon fast wieder am Odeonsplatz angekommen. Von dort geht es nun auf der Leopoldstraße und durch Neuschwabing zurück in Richtung Olympiapark. Wir kommen gut voran, auch wenn die Gehpausen nun häufiger werden, aber Jürgen ist zuversichtlich, dass es mit seinem Job als 5:30-Pacer in New York tatsächlich etwas werden konnte.

Als wir das Marathontor durchlaufen, kommt wie immer etwas Gänsehautfeeling auf und wir sind deutlich unter 5:40 Stunden, womit auch unsere Mission ein klarer Erfolg war. Endlich wieder ein Marathon, der sich nach Laufen anfühlt. Dadurch, dass der Start ins altehrwürdige Olympiastadion verlegt wurde, musste leider die „Ehrenrunde“ gekürzt werden und so war dieser Marathon etwas unverhofft zu Ende. Die 300 Meter mehr hätte ich gerne noch in Kauf genommen, um diesen tollen Marathon abzurunden. Und noch einen kleinen Wehrmutstropfen gab‘s am Ende. Wo sind die Medaillenmädels hin? Hallo! Offensichtlich hat ein Trachtenverein diesen Job übernommen. Unsere Gegenüber, die uns freundlich gratulieren und die Medaille umhängen, sind zu gleichen Teilen männlich und weiblich, sowie ausnahmslos in meinem Alter oder drüber. Ich glaube erstmals bin ich in München alleine mit meiner Medaille auf dem Finisher-Foto.

Wir treffen noch auf Judith, Andreas und Toni und können noch ein paar Worte tauschen. Danach lege ich mich erst mal auf dem Rasen ab und Jürgen liefert alkoholfreies Weißbier. Ein vorsichtiger Schluck, mein Magen erklärt mir unmissverständlich, dass das kein gebührender Abschluss für einen Marathon ist und ich reiche meinen Becher an Jürgen weiter, der ihn dankend annimmt, da er seinen schon geleert hat. Der Abschied fällt dann kurz aus. Es wird frisch und wir machen uns auf den Weg zu den Autos. Wir waren uns beide einig: München ist immer wieder schön! In Zukunft werden wir uns hier wohl öfters die Strecke teilen, wieder in Lederhosen und wieder mit Bernies Jubiläumsshirt! Pfiadi Minga, bis nächstes Jahr, zumindest was den offiziellen München Marathon angeht, denn Du hast da ja noch die Isarmarathons. Für nur einen Marathon bis du viel zu schön.   

 
   
 
Greppi 5:38:83
 
 
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