Endlich ist es wieder so weit. Die Naturwanderfreunde Haspelmoor haben zu ihrem zehnten Wintermarathon eingeladen und dem komme ich doch gerne nach. Schon seit mehreren Jahren bin ich immer wieder mal laufenderweise dabei. Dies ist nämlich bei dieser Wanderung überhaupt kein Problem. Ich bin nicht der einzige Läufer und wir sind bei den Veranstaltern und auch bei den Wanderern immer gerne gesehen. Erstmals wird in diesem Jahr mein Freund Jürgen Englerth dabei sein. Wir sind beide etwas lädiert und fernab von unseren üblichen Laufzeiten, daher ist das eine gute Möglichkeit einen weiteren Marathon einzusammeln und dabei unsere Form wieder in die richtige Richtung zu bringen.
Jürgen und ich treffen uns um halb acht in der Hattenhofener Turnhalle. Wie schon in den Jahren zuvor ist hier die Anmeldung, die Urkundenausgabe, es gibt Verpflegung vor und nach der Wanderung und einen warmen Platz, der nach unserem Lauf zum Verweilen einlädt. Jürgen ist fasziniert. Ihm war nicht bewusst, dass es eine derart große Wanderszene gibt und dass die Wanderer teilweise lange Anfahrten auf sich nehmen. Naja, es ist eigentlich genauso wie bei uns Marathonläufern. Wer von uns ist nicht schon mal mehrere hundert Kilometer für einen Marathon gefahren? Das ist hier nichts anderes. Jürgen ist auch von den Aufnähern begeistert, die es für alle Marathonis gibt. So einen muss er auch haben.
Die Naturwanderfreunde Haspelmoor haben sich bei den Aufnähern für wechselnde Tiermotive entschieden. In diesem Jahr ist der Aufnäher besonders farbenprächtig. Der Bienenfresser ist ein bunter Vogel, der sich, wie der Name schon sagt, von Bienen, Wespen, Hummeln und allem anderen was durch die Lüfte schwirrt, ernährt. Er galt in den 80‘er Jahren in Deutschland als ausgestorben, fand jedoch schon in den 90‘ern den Weg zurück und hat sich mittlerweile mit rund 6.000 Brutpaaren wieder etabliert. Der Bienenfresser durfte sich bereits zweimal mit dem Titel „Vogel des Jahres“ schmücken. Allerdings nicht in Deutschland. 2012 bekam er in Armenien und der Slowakei den Zuschlag. Vielleicht klappt es ja bei uns auch einmal. Ich drücke allen Bienenfressern jedenfalls den Daumen, auch wenn ich noch keinen persönlich getroffen habe.
Jürgen und ich haben die Anmeldung schnell abgeschlossen, verpacken unsere „Stempelkarte“ schweißsicher und begeben uns nach draußen. Es ist heute etwas frisch. Die Temperatur ist knapp unter dem Gefrierpunkt, fühlt sich aber ganz angenehm an. Jürgen hatte mich am Tag zuvor noch gefragt, ob normale Trailer reichen oder ob es Spikes braucht. Von den Spikes riet ich ihm ab, da ja üblicherweise auch längere Etappen auf Asphalt dabei sind. Dass sich das für uns heute noch zum Running Gag entwickeln würde, war mir dabei noch nicht bewusst. Das GPS-Signal meiner Uhr ziert sich heute etwas, möglicherweise ist es ihr noch zu früh, gibt aber schließlich brummend das Startsignal. Jürgen und ich traben los.
Die Strecke ist in diesem Jahr komplett überarbeitet und so geht es zunächst auf eine kleine Westschleife. Wir laufen grob in Richtung Hörbach und Althegnenberg. Immer wieder sind alte Streckenabschnitte erkennbar. Das Haspelmoor durchlaufen wir heute nur am Rande. Als wir in den Wald im Haspelmoor laufen, stellen wir fest, dass der Pfad mit Eis überzogen ist, aber die Naturwanderfreunde super Arbeit geleistet haben. Das Eis ist mit Sägespänen abgedeckt, so dass es sich ganz angenehm laufen lässt. Wir traben nebeneinanderher und das Tempo ist eher mäßig. Wir schieben das jetzt einfach mal auf den frostigen Untergrund. Dennoch kommen wir gut voran und stehen schon bald an der ersten Verpflegungsstelle. Jürgen bekommt den ersten Wanderstempel in seinem Leben auf seine Kontrollkarte gedrückt und hat das System nun verstanden. Für Verpflegung ist es aber noch etwas zu früh und wir laufen weiter.
Wir erreichen Althegnenberg als westlichsten Punkt unseres Marathons und laufen nun wieder über Feld- und Waldwege zurück nach Hattenhofen. In den Wäldern ist die Strecke teilweise spiegelglatt und Jürgen weist mich an diesen Stellen gerne darauf hin, dass ihm irgendjemand gesagt hätte, dass man keine Spikes braucht. Eben dieser Irgendjemand erklärt ihm dafür im Gegenzug auf den asphaltierten Streckenabschnitten wie unpraktisch doch nun Spikes wären. Dies zieht sich zwischen uns über 42 Kilometer. Auf dem Weg zurück nach Hattenhofen kommen wir auch noch beim „Fuchs“ vorbei. Die urige Kontrollstelle hat diesen Namen von Bernie und mir bekommen. In der Hütte am Waldrand entdeckten wir vor ein paar Jahren einen präparierten Fuchs mit Jagdhut, nach dem wir die Hütte benannten. Jürgen ist von dieser Kontrollstelle so begeistert, dass wir gleich mal ein Bier drauf trinken müssen. Es ist allerdings noch früh am Morgen, so dass wir uns die Halbe teilen.
Zurück in Hattenhofen geht es in die große Ostrunde. Jürgen ist hier verständlicherweise völlig orientierungslos. Bei mir sieht es etwas besser aus, denn ein Großteil der Strecke verläuft durch meinen ehemaligen Dienstbereich der Polizeiinspektion Olching. Aber die zahlreichen Feld- und Waldwege bringen mich auch immer wieder raus. Aber immerhin sind mir Orte wie Ober- und Unterschweinbach (sprich: Untasaubo), Günzlhofen und Aufkirchen ein Begriff und sie versetzen mich manchmal in alte Zeiten. In den meisten Dörfern war ich seitdem nicht mehr, habe aber immer noch Erinnerungen, die jetzt wieder aufkommen.
Für Jürgen ist auf dieser Runde das Highlight eine Verpflegungsstelle, die er „Leberkäs-Semmel“ tauft und die es zu seinem Glück zweimal anzulaufen gilt. An dieser Stelle treffen wir auch auf Charly, der auf dem Halbmarathon unterwegs ist. Wir ratschen kurz, dann zieht es Charly weiter. Für Jürgen und mich dauert der Aufenthalt beide Male etwas länger. Wir gönnen uns jeweils ein Augustiner und für Jürgen muss es jedes Mal eine Leberkäs-Semmel sein. An der Ausgabe stoße ich auch auf Rita, die mit zu den Verantwortlichen zählt. Auch wir müssen uns unterhalten und so erfahre ich, dass die beste Verpflegungsstelle der Welt in Mammendorf nicht mehr auf der Strecke liegt. Aufgrund eines Todesfalls in der Familie ist man umgezogen.
Die Strecke ist abwechslungsreich. Viele leichte Anstiege gilt es zu bewältigen. Wälder, Felder und kleinere Ortschaften werden durchlaufen. Jürgen und ich sind fasziniert. Immer wieder überholen wir die gleichen Wanderer, die sich auch immer wieder aufs Neue freuen, dass wir an ihnen vorbeilaufen. Offensichtlich machen wir längere Pausen als sie. Am Ende werde ich meine Uhr kontrollieren und feststellen müssen, dass wir insgesamt tatsächlich 90 Minuten Pause gemacht haben. Das kam mir jetzt wirklich nicht so vor. Die kürzeste, aber lustigste Pause haben wir auf einem Feldweg im Nirgendwo. Kurz zuvor hatte ich Jürgen noch von einer Selbstkontrolle erzählt, bei dem mir der Lautner Toni den Stempel auf die Karte gedrückt hat. Schon erreichen wir solch eine Selbstkontrolle und wir haben uns gleich selbst nicht mehr unter Kontrolle. Wer auf diese Idee kommen ist, hat vermutlich eine Schraube locker. Am Wegesrand steht eine blaue Plastikbox mit Schrauben und Beilagscheiben. Auf dem Hinweisschild steht, dass jeder Wanderer eine und wirklich nur eine Schraube entnehmen und im Ziel vorzeigen muss. Wir kriegen uns kaum noch ein. Wie kommt man auf eine solche Idee? Wir finden es genial und setzen unseren Weg fort.
Irgendwann, ich glaub wir sind auf dem Weg zurück nach Günzlhofen, bekomme ich leichte Kreislaufprobleme, finde aber gleich eine Bank und lasse mich erst mal nieder. Ich trinke erst mal eine Flasche Cola und Jürgen überlässt mir sein letztes Päckchen Gummibären. Ein paar Minuten später sind wir wieder auf dem Weg. Eine weitere Kuriosität stellen wir dann an einer Verpflegungsstelle in Unterschweinbach fest. Wir sitzen mit einem Bierchen auf einer Bank in einer Werkstatt und ich muss feststellen, dass ich sitzenderweise Meter für Meter gutmache, obwohl ich mich nicht bewege. Jürgen kontrolliert seine Uhr und bei ihm ist es genauso. Ich habe am Ende des Marathons zwei Kilometer und Jürgen sogar drei Kilometer zu viel auf der Uhr.
Offensichtlich haben die Uhren in geschlossenen Räumen ein Problem.
Ansonsten ist der Lauf für uns beide in Ordnung, auch wenn es am Ende immer wieder mal zäh wird. Mal bin ich es, der eigentlich keine Lust mehr hat, dann Jürgen. Frustrierend ist, dass wir zwangsläufig laut Uhr den Marathon voll haben, es aber immer noch ein paar Kilometer vor uns liegen. Dennoch erreichen wir irgendwann das Ortschild Hattenhofen und wir haben nur noch ein paar hundert Meter zu laufen. Als wir dieses passiert haben, frägt mich Jürgen, ob mir etwas auffällt. Ich weiß nicht direkt, was er meint. „Naja, wir haben plötzlich wieder gute Laune!“. Da hat er völlig recht und so bremsen wir wenige Minuten später vor der Sporthalle und stoppen unsere Uhren. Wenig später lassen wir uns austragen, holen unsere Urkunde und den wirklich sehenswerten Aufnäher ab. Die Schraube wird natürlich kontrolliert, aber zurückgegeben wird sie nicht. Dies ist eine ganz besondere Schraube und Jürgen und ich beschließen, diese mit nach Hause zu nehmen.
Wir waren jedenfalls nicht zum letzten Mal in Hattenhofen. Wie immer war der Wandertag super organisiert und wenn ich Rita richtig verstanden habe, gibt es das nächste Mal sogar einen Ultramarathon. Fünfzig Kilometer sollen es werden. Also ich bin dabei. |